Umbruch in Südostasien – Myanmar auf dem Weg in die Moderne

Das Land ist derzeit der Popstar unter den Entwicklungsländern Südostasiens. Zwanzig Jahre Militärdiktatur plötzlich abgeschüttelt, eine (zumindest größtenteils) zivile Regierung, die innerhalb weniger Jahre einen demokratischen und marktwirtschaftlichen Reformprozess eingeleitet hat, der in seiner Reichweite und Tiefe fast ohne Beispiel ist. Geostrategisch interessante Lage, zwischen Indien, Bangladesch, China und Thailand. Eine junge, teilweise ganz gut ausgebildete Bevölkerung von fast 60 Millionen. Touristisch interessant, v.a. wegen der Strände und der starken buddhistischen Prägung, die zu zahlreichen Kultstätten und dem malerischen Bild der rot bekleideten Mönche geführt hat.
Und (noch) gesegnet mit den Skurrilitäten, die wohl nur eine Militärdiktatur hervorzubringen im Stande ist. Beispielsweise die Hauptstadt Nay Pyi Taw, ersonnen von den Militärs, mit absurden, 12-spurigen Straßen, auf denen einzelne verirrte japanische Kleinbusse herumshutteln. Natürlich auch kein Mangel an Herausforderungen: die immer noch starke Rolle des Militärs, eine in der Abschottung ausgebildete Günstlingswirtschaft, Konflikte um den Status der zahlreichen Ethnien - in den Medien präsent sind derzeit v.a. die muslimischen Rohinga im Südwesten, nahe der Grenze zu Bangladesch.


Die Anziehungskraft auf Touristen aus dem Westen erklärt sich auch aus den 20-Jahren Abschottung. Es ist vielleicht eine der letzten Gelegenheiten, zu beobachten, was passiert, wenn eine andersartig geprägte Gesellschaft mit voller Wucht auf die globalisierte Marktwirtschaft prallt. In den ersten modernen Shopping Malls und Supermärkten, die wie Pilze aus dem Boden schießen, kann man faszinierende Szenen beobachten, wenn Familien vom Land, aus fast mittelalterliche anmutenden Lebensumständen ohne Elektrizität, moderne Kommunikationsmittel und Medien kommend direkt ins 21. Jahrhundert katapultiert werden.

Als Beobachter überkommt einen fast ein Beschützerinstinkt. Zu schnell, zu radikal, zu offen gibt sich das Land dem Wandel hin. Dabei geht möglicherweise viel über Bord, das bewahrenswert gewesen wäre. Schwieriges Statement als privilegierter Besucher aus dem Westen,  der ein Monatseinkommen locker für eine Übernachtung im „Golden Valley“ Yangons auf den Tisch legt. Trotzdem erstaunt es, wie vorbehaltslos die Menschen die Komplettumstellung vor- und wie (scheinbar) problemlos sie Neues übernehmen.


2013 noch gab es kaum ATMs, um an Bargeld zu kommen. Die stehen jetzt überall und die meisten ausgerechnet am heiligsten Ort, in Shwedagon. Staatssekretäre in den Ministerien, die vor zwei Jahren noch kein Handy besessen haben und deren Tagesablauf man jetzt problemlos auf Facebook nachvollziehen kann. Taxifahrer, die während der Fahrt thailändische Telenovelas auf einem kleinen Bildschirm verfolgen - in einem Land, in dem es vor kurzem noch kaum Autos gab, in dem die urbanen Zentren aber jetzt schon vor dem Verkehrsinfarkt stehen.


Was bleibt auf dem Rückflug? Die Aufbruchsstimmung, die Neugier und Begeisterrungsfähigkeit der Menschen ist ansteckend. Es passiert einem nicht oft als Berater in der Internationalen Zusammenarbeit, dass man von den MitarbeiterInnen von Ministerien, Verbänden und Unternehmen geradezu ein Loch in den Bauch gefragt bekommt - wie macht man dies, was gibt es hier für internationale Beispiele, was denken Sie hierüber, sollten wir so oder doch lieber so? Das Gefühl, dass es wertvoll ist, noch Orte zu haben, die hinreichend anders sind, um es einem zu ermöglichen, quasi von außen auf das eigene System zu schauen. Und ein bisschen Sorge, ob der Entwicklungsprozess, der sich hier gerade entfaltet, in seiner Wucht zu kontrollieren und zu steuern sein, man als Besucher in zehn Jahren immer noch mit einem fröhlichen "Mingalabar" begrüßt werden wird.