Das Weiße im Auge – Kooperation als menschliche Grundkompetenz

In den nicht sehr zahlreichen Interviews, die der amerikanische Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello in den letzten zehn Jahren gegeben hat, leitet er seine Kernthese gerne mit der folgenden Frage ein: warum haben wir Menschen als einzige von ca. 200 Primatenarten so eine deutliche, klar von der Pupille abgegrenzte weiße Augenhaut (sclera)?
Die Antwort: weil die bessere Sichtbarkeit der Blickrichtung die Koordination von räumlich nahen, gemeinsamen Aktivitäten erleichtert hat, wie beispielsweise das Pflücken von Beeren. Und dies konnte nur deswegen zu einem evolutionären Selektionsvorteil werden, weil der Wille und die Fähigkeit zur Kooperation eine menschliche Grundkompetenz darstellen. Michael Tomasello sieht unsere einzigartigen sozialen Beziehungen als Schlüssel, um unsere Entwicklungsgeschichte richtig zu deuten und auch den rasanten Entwicklungssprung im Vergleich zu anderen Primaten zu erklären.

Shared intentionality, gemeinsame Aufmerksamkeit und Kommunikation

In vergleichenden Experimenten mit Kleinkindern und Primaten zeigte sich, dass die Kinder den Affen nur in einem Bereich überlegen waren: soziales Lernen, Kommunikation und das Verstehen der Intentionen anderer. V.a. diese Fähigkeit zum „Wir-Gefühl“, zur shared intentionality, wie Tomasello es nennt, erscheint als Quelle komplexerer Lernvorgänge. Schon Kleinkinder rund um ihren ersten Geburtstag sind dazu in der Lage, „individuelle Ziele mit denen eines Partners zu einem 
gemeinsamen Ziel zu verschmelzen“ (Tomasello 2010: 57). 



Damit verbunden ist die Fähigkeit zur Koordination von Aufmerksamkeit. Schon im Alter von neun Monaten beginnen Kinder mit Erwachsenen zu spielen – was die gegenseitige Beobachtung und Verfolgung der Aufmerksamkeit des anderen erfordert. Dieser Prozess setzt mit einem gemeinsamen Ziel ein und bildet die Hintergrundfolie für Kommunikation, weil erst in einem Kontext gemeinsamer Aufmerksamkeit bspw. Zeigegesten ihre Bedeutung erhalten. 



Moral als eine Form der Kooperation

Tomasello betrachtet Moral aus einer evolutionstheoretischen Sicht als eine Form der Kooperation. Denn in Kooperationssettings lässt sich experimentell belegen, dass schon Kleinkinder altruistisch handeln und den / die andere als gleichberechtigtes Individuum behandeln. Andere Primaten, wie Schimpansen, tun das nicht. Sie helfen sich zwar, aber ausschließlich, wenn das mit wenig Aufwand verbunden ist und sie selbst bspw. nicht auf Futter verzichten müssen.

Gleichzeitig betont Tomasello, dass Menschen natürlich keine „kooperierenden Engel“ sind und es immer um die Balance zwischen Gruppen- und Eigennutzen geht. Kinder gehen zwar sehr großzügig mit Informationen um und sie geben relativ freigiebig Dinge an andere ab. Gleichzeitig halten sie dann aber auch verbissen an bestimmten Gegenständen fest. Die Forschung ist derzeit intensiv damit befasst, die Entstehungsbedingungen des Altruismus aufzudecken, denn evolutionär ist es zunächst schwer erklärlich, worin die Vorteile in Bezug auf das eigene Überleben (und damit der notwendige Selektionsgrund) liegen.




Für Tomasello ist dies jedoch nicht der Hauptprozess. Er fokussiert eher auf den Mutualismus, worunter er Situationen begreift, in denen alle von gemeinsamen Handlungen profitieren. Der Klassiker ist hier das Szenario der Hirschjagd (stag hunt): alle gewinnen durch die Kooperation, weil eine wesentlich größere Beute erlegt werden kann, als dies für einen einzelnen Jäger vorstellbar wäre. Dafür müssen die Partner aber kommunizieren und sich vertrauen können. An irgendeiner Stelle im Evolutionsprozess müssen also ausreichend Toleranz und Vertrauen, wahrscheinlich im Kontext der Nahrungssuche, entstanden sein, um solche Formen der Kooperation überhaupt zu ermöglichen. Kinder sind bereits erstaunlich gut darin, die Belohnung für gemeinsame Aktivitäten aufzuteilen und ermahnen sich hier interessanterweise oft gegenseitig zu Fairness.


Bedeutung für Organisationsdesign, -entwicklung und Kooperationsmanagement

Stabile und effektive Formen von Organisation müssen an die Natur des Menschen andocken. Die Forschung von Tomasello zeigt, dass die Freude, etwas mit anderen zu teilen, gemeinsam zu machen und zu erschaffen, ein zutiefst menschliches Gefühl, eine Prädisposition ist, auf die man bauen kann. Das ist zunächst einmal sehr erfreulich und ermutigend für alle, die beispielsweise im Kontext der aktuellen Diskussionen über die „Zukunft der Arbeit“ kollaborative Organisationsformen einfordern.




Dabei ist wichtig, im Blick zu behalten, dass die biologischen Wurzeln der Kooperationsbereitschaft in der Gruppe liegen. Der Evolutionsbiologe Robin Dunbar beispielsweise hat ausgerechnet, dass Jäger-Sammler-Gemeinschaften damals aus ca. 150 Personen bestanden. Es gibt Diskussionslinien, hier nach wie vor eine Grenze zu ziehen, denn das menschliche Hirn lernte unter diesen Kontextbedingungen, soziale Interaktionen zu meistern. Auch in der Organisationsentwicklung wird die „150 Personen“ Größe teilweise als Grenze gesehen, danach wird es schwierig, ein Gefühl von Gemeinschaft und persönlicher Vertrautheit aufrecht zu erhalten.

Kooperationsmanagement beziehe ich v.a. auf die Gestaltung der Beziehungen zwischen Organisationen zur Erreichung gemeinsamer Ziele. Das ist heute ein fast allgegenwärtiges Phänomen. Ein aktuelles Beispiel aus der Tagespresse: Die neu gegründete Olympia-Bewerbungsgesellschaft der Stadt Hamburg soll mit städtischen Behörden, Zivilgesellschaft und Unternehmen kooperieren, um gemeinsam die Bewerbung für die Spiele 2024 zu gewinnen.

Bei solchen organisationsübergreifenden Kooperation gelten andere Ausgangsbedingungen als im organisationalen Kontext: Mitgliedschaft ist hier wesentlich loser geregelt und Entscheidungsblockaden können nicht über Hierarchien aufgelöst, sondern müssen verhandelt werden. Die Grundprinzipien menschlicher Kooperation, die durch Tomasello herausgearbeitet wurden, können hier als Erfolgsfaktoren des Kooperationsmanagements betrachtet werden (vgl. Tomasello 2010: 82ff.):



Der Prozess setzt ein mit der Formung geteilter Ziele, zu denen sich dann beide Parteien normativ verpflichtet fühlen. Dafür ist eine gemeinsame Aufmerksamkeit (durch wechselseitige Beobachtung) und ein gemeinsamer konzeptueller Hintergrund notwendig. Für stabile Kooperationen sind Fairness und eine intrinsische Motivation, die über das individuelle Ziel hinausgeht, entscheidend. Im Verlauf der Interaktion bilden sich Kooperations- und Konformitätsnormen aus, die die weitere Zusammenarbeit strukturieren. 


Mehr zum Thema Kooperationsmanagement gibt es hier.


Quellen
  • Tomasello, Michael (2010): „Warum wir kooperieren“. Suhrkamp Verlag. 
  • Tomasello, Michael (2008): „How are Humans unique?“. Artikel in der New York Times vom 25. Mai 2008.
  • Tomasello, Michael (2007): „For Human eyes only“. Artikel in der New York Times vom 13. Januar 2007.
  • „Das Tier, das ‚Wir’ sagt“. Artikel von Mathias Greffrath inkl. Interview mit Michael Tomasello in DIE ZEIT, 08.04.2009 Nr. 16.
  • „Fairness ist eine Voraussetzung für Zusammenarbeit“. Interview von Werner Siefert mit Michael Tomasello in der Süddeutschen Zeitung vom 02.12.2011. 
  • Michael Tomasello auf Youtube: „A lecture in Psychology: Origins of Human Cooperation and Morality“.