Ideen & Impulse - Tipps für Sachbücher, Philosophisches und Romane

Wahrscheinlich war meine Generation die Letzte, die zu Schulzeiten schlicht keine attraktive Alternative hatte. Eine Bücherei hatte nichts museales, da ist man durchaus hingegangen in der Freizeit. In jedem Fall habe ich mir ein enges Verhältnis zu Büchern bewahrt. Ein Ort, an dem das zelebriert wird, ist die Buchhandlung Lüders in Hamburg-Eimsbüttel (s. Foto). Unten habe ich ein paar Titel zusammengestellt, die ich dort im letzten Jahr entdeckt habe.

Sachbücher & Philosophie

Geometrien der Veränderung. Von Claus Nowak

Der Untertitel des Buchs lautet: 70 Modelle für Führung, Coaching und Change-Management, und genau das löst Claus Nowak ein. Das Buch ist ein Kompendium, das auf der Basis einer plausiblen Struktur – abgeleitet aus Nowaks TOP-Organisationsmodell, mit dem wir auch arbeiten – „Klassiker“ zu den Themenbereichen Organisation, Führung, Team, Arbeitsbeziehungen, Person, Vertrag und Kultureller Kern zusammenführt.


Angesichts der thematischen Breite müssen die Hintergrundinformationen zu den Modellen knapp bleiben, das Buch erfordert daher ein gewisses Vorwissen, um den Anwendungskontext beurteilen zu können. Primäre Zielgruppe dürften Praktiker aus Beratung und Coaching sein, für die das Buch Inspirationsquelle und Arbeitshilfe ist.

Was mir sehr gut gefällt, ist, dass Nowak dem Buch eine kritische Reflektion über Möglichkeiten und Grenzen von Modellen voranstellt – und sogar ein „Modell zur Beurteilung des Mehrwerts von Modellen“ anbietet. Hier wird nicht mystifiziert, sondern ein pragmatischer Umgang mit Theoriekonzepten vermittelt. Zum Buch bieten Claus Nowak und Manfred Gellert auch zweitägige Fortbildungen in Hamburg an.

Duft der Zeit. Von Byung-Chul Han

Byung-Chul Han ist einer der wenigen deutschen Philosophen aus der Gruppe der unter 70-jährigen, die mittlerweile ein breites Publikum erreichen.


Geboren in Seoul, studierte Han in Deutschland und lehrt nach Stationen in Basel und Karlsruhe seit dem Jahr 2012 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. In den letzten Jahren hat er in kurzer Folge gesellschaftliche Analysen, Essays und Betrachtungen veröffentlicht, die durch ungewohnte Perspektiven überraschen und durch die knappe, zugleich aber poetische Sprache einnehmen.

„Duft der Zeit“ ist vielleicht nicht sein wichtigstes Buch, man sieht aber sehr schön, auf welchen Grundannahmen und Überzeugungen er seine Argumentation aufbaut. Es ist spannend, zu sehen, wie er Heidegger und Nietzsche mit Bildern und Sprachfiguren verwebt, die eher der fernöstlichen Ideengeschichte entstammen.

Im Kern geht es in „Duft der Zeit“ um den Verlust der „Kunst des Verweilens“, wie er im Untertitel schon andeutet. Anhand von drei historisch abgegrenzten Phasen des Zeiterlebens skizziert er die Charakteristika unserer durch Informationen geprägten Gegenwart. Hatte man sich die „geschichtliche Zeit“ noch wie eine Linie vorgestellt, „die auf ein Ziel zuläuft oder zurast“ so fehlt dem historischen Geschehen heute „die narrative oder teleologische Spannung“. Informationen für sich würden eben „keine narrative Länge oder Weite“ besitzen.

Han: „Sie sind weder zentriert noch gerichtet. Sie stürzen gleichsam auf uns ein. Die Geschichte lichtet, selektiert, kanalisiert das Gewirr von Ereignissen, zwingt diese auf eine narrativ-lineare Bahn. Verschwindet diese, so kommt es zu einer Wucherung von Informationen und Ereignissen, die richtungslos schwirren. Die Informationen duften nicht“.

Aus dieser Analyse entwickelt er dann sein Gegenprogramm, das überzeugt und frustriert, weil man merkt, dass man sich von den diskutierten Lebenskonzepten eher weg, als darauf zu bewegt. Hinweise: Einen schönen Essay von Byung-Chul Han zum Zeiterleben, veröffentlicht 2013 in der ZEIT, gibt es hier, ein Interview in der ZEIT aus dem Jahr 2014, in dem er die Grundgedanken zu „Errettung des Schönen“ erläutert, hier.

Romane

Lieben. Von Karl Ove Knausgard

Ein Geheimtipp ist Knausgard nicht, spätestens rund um das Erscheinen der deutschen Übersetzung des Fünften Bandes „Träumen“ der „Min Kamp“ Reihe hat es kein Feuilleton verpasst, den Autor vorzustellen. Knausgard ist Norweger, den Gerüchten nach hat jeder Norweger zwischen 16 und 79 Jahren zumindest einen der sechs Bände gelesen. Und jeder kennt jemanden, der im Buch vorkommt, denn Knausgard’s Stilmittel ist, dass er keinerlei Filter einbaut. 

Gegenstand des Epos ist sein Leben, ungeschminkt, ungeschönt und direkt berichtet er vom problematischen Verhältnis zu seinem Vater, den Freuden und Leiden des Elternseins oder seiner Ehe. Alle handelnden Personen treten mit Klarnamen auf – wie er gerade im FAS-Interview zugab hatte er sich nicht vorstellen können, was er damit auslösen würde: „Es war die Hölle“. Aus der Sicht des Lesers erscheint das wenig verwunderlich, denn obwohl sein Blick oft liebevoll und wertschätzend ist entblößt er Motive und Schwächen, bei sich genauso wie bei allen anderen handelnden Personen. Die Präzision, mit der ihm die Beschreibung gelingt, ist sicherlich ein Grund für den unheimlichen Erfolg der Bücher, den Sog, in den man als Leser nach und nach hineingerät.

Vielleicht ist diese literarische Grundidee von Knausgard auch radikal modern. In einer Zeit, in der das alteuropäische Konzept von Privatheit ohnehin komplett aus den Angeln gehoben wird, ist die rückhaltlose Entblößung möglicherweise der einzige Weg, sich wieder Freiraum zu verschaffen. Im FAS-Interview fragt Johanna Adorján ihn abschließend, warum sie trotz der knapp der 2.000 Seiten, die sie über sein Leben gelesen hat, das Gefühl hat, ihm jetzt gegenüberzusitzen und ihn nicht zu kennen.

Knausgard antwortet: „Es stimmt, sie kennen mich nicht. Ich habe mal gelesen, dass der polnische Schriftsteller Gombrowicz, als er sein Tagebuch veröffentlicht hat, gesagt hat, er habe sich daraufhin einfach eine Stufe weiter in sich selbst zurückgezogen, in seine innere Welt, seine eigene Welt. Ich glaube, so mache ich das auch. Nein, meine Leser kennen mich nicht“. Ist das die Antwort auf die Erosion der Intimsphäre im digitalen Zeitalter?